Stuttgart 21, die Wasserwerfer und die Bäume

Gruben, Kräne, Bauarbeiter: In Baden-Württemberg entsteht nach und nach Stuttgart 21. Ab und an gibt es neue Kostenprognosen oder die Leistungsfähigkeit des Milliardendprojekts wird diskutiert. Doch die Zeit der heftigen Proteste ist vorbei.

Ganz anders vor neun Jahren. Die Schwabenmetropole war im Sommer und Herbst 2010 gefühlt fast jeden Abend in der Tagesschau. Höhepunkt des Streits war der „schwarze Donnerstag“ am 30.09.2010 samt der darauffolgenden Nacht. dpa-Reporter erlebten die Ausnahmesituation hautnah. Drei von Ihnen erinnern sich.

Julia Giertz, damals landespolitische Korrespondentin, heute für dpa in Mannheim

ARCHIV - Zwei Männer stützen im Schlossgarten in Stuttgart den durch einen Wasserwerfer verletzten Dietrich Wagner (m) nach einer Demonstration gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 am 30.09.2010. Beim harten Polizeieinsatz gegen Stuttgart-21-Gegner am 30. September ist er vom Strahl eines Wasserwerfers an den Augen schwer verletzt worden. (zu dpa: «Opfer des »Schwarzen Donnerstags« geben ihre Entscheidung über Entschädigungsangebot des Landes Baden-Württemberg bekannt» vom 27.12.2016) Foto: Marijan Murat/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

DAS Symbolbild des „schwarzen Donnerstags“: Zwei Männer stützen im Schlossgarten in Stuttgart den durch einen Wasserwerfer verletzten Dietrich Wagner (m) nach einer Demonstration gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 am 30.09.2010. Beim harten Polizeieinsatz gegen Stuttgart-21-Gegner am 30. September ist er vom Strahl eines Wasserwerfers an den Augen schwer verletzt worden. Foto: Marijan Murat/dpa

Ich sitze in der S-Bahn von Winnenden nach Stuttgart, als mich der Anruf erreicht, ich solle sofort in den Schlossgarten gehen. Da gebe es massive Proteste gegen die beginnende Baumrodung wegen Stuttgart 21. Dabei komme ich schon von einem bewegenden Termin: Die Leiterin der Albertville-Realschule, Astrid Hahn, wird in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet, nachdem sie den Amoklauf von Winnenden miterlebt hatte. Dass der Tag noch viel aufwühlender werden sollte, ist mir da nicht bewusst. Ich diktiere meinen Text via Telefon in die Redaktion und gehe sofort in den Park, wo ich die Menschenmenge, die martialisch ausgerüsteten Polizisten und einen riesigen Wasserwerfer sehe.

Als Berichterstatterin versuche ich damals, sozusagen „an der Front“ zu sein. Ich spreche an jenem Donnerstag mit Frauen, die sich an einen Zaun gekettet haben und beobachte, wie Polizisten einen Mann loseisen wollen, der seinen Arm in eine Röhre einbetoniert hat. Angst habe ich um die Menschen, die auf den zum Fällen freigegebenen Bäumen sitzen und von den harten Strahlen der Wasserwerfer nicht verschont werden. Meine Eindrücke gebe ich direkt an die Redaktion weiter.

In Erinnerung ist mir noch eine völlig entsetzte, ältere Dame in grünem Lodenmantel im Getümmel – für mich Symbol dafür, dass der Protest gegen Stuttgart 21 ein vorwiegend bürgerlicher war, gegen den mit Wasserwerfern und Schlagstöcken vorzugehen völlig unangemessen schien. Gerade von älteren Leuten ist am 30. September 2010 zu hören: „Das ist ja wie im Krieg.“ Die weitere Entwicklung des Bahnvorhabens hat einigen Aussagen der Demonstranten gegen das „Milliarden-Grab“ von damals aus meiner Sicht Recht gegeben.

Marijan Murat, dpa-Fotoredakteur, Stuttgart

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Ein Wasserwerfer spritzt am 30.09.2010 im Schlossgarten in Stuttgart (Baden-Württemberg) auf Demonstranten, die gegen die geplante Abholzung mehrerer Bäume im Park protestieren.
Foto: Marijan Murat/dpa

JVA-Stammheim, 30. September 2010, Auftakt im Prozess um das ehemalige RAF-Mitglied Verena Becker. Während ich auf dem Gefängnisparkplatz im Auto sitze und meine Fotos in die Redaktion absetze, verfolge ich den Twitter-Account der Stuttgart-21-Gegner, den ich in diesen bewegten Tagen laufend im Blick habe.

Plötzlich sticht mir das Wort „Wasserwerfer“ ins Auge. Ich denke: „Nee, nicht in Stuttgart“ – aber bereits die nächsten Posts bestätigen die Lage. Ich informiere sofort Cheffotograf Roland Holschneider. Er schickt umgehend meinen Kollegen Uwe Anspach, der gerade in der Nähe des Schlossgartens ist, an den Ort des Geschehens. Ich starte mein Auto und mache mich auf den Rückweg in die Innenstadt, werde jedoch zu einer spontan anberaumten Pressekonferenz des baden-württembergischen Innenministers in den Landtag beordert.

Mit dem Wissen, was sich im Moment an anderer Stelle abspielt, schieße ich dort ungeduldig ein paar Fotos und mache mich schnellstens auf den Weg in den Schlossgarten. Die Situation vor Ort ist unübersichtlich, die Proteste sind im vollen Gange und ich tauche ein in die Menge.

Mit dem Gefühl, genug Bilder im Kasten zu haben, suche ich nach einem trockenen Platz, um sie via Notebook über das mobile Datennetz versenden zu können. In der Zwischenzeit haben S21-Gegner in der Nähe eines Biergartens eine Krankenstation eingerichtet, um Verletzte zu versorgen. Ich setze mich in unmittelbarer Nähe dazu auf eine Parkbank, da ich damit rechne, dass dieser Tag nicht ohne schwerere Verletzungen ablaufen wird. Aus den Augenwinkeln erblicke ich zwei Männer, die einen älteren Herrn stützen. Ich renne mit meiner Kamera auf das Trio zu und drücke auf den Auslöser.

Johannes Wagemann, damals dpa-Volontär, heute dpa-Vertrieb/Hamburg

Unter Flutlicht finden die Baumfällarbeiten am Freitag (01.10.2010) im Schloßgarten in Stuttgart statt. Unter massivem Polizeischutz werden die Bauarbeiten am umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21 vorangetrieben. Der Stuttgarter Hauptbahnhof soll unter die Erde verlegt und an eine Neubaustrecke angeschlossen werden. Die Milliardenkosten und der Teilabriss des alten Bahnhofs sind sehr umstritten. Foto: Marijan Murat dpa/lsw | Verwendung weltweit

Unter Flutlicht finden die Baumfällarbeiten am Freitag (01.10.2010) im Schloßgarten in Stuttgart statt. Unter massivem Polizeischutz werden die Bauarbeiten am umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21 vorangetrieben. Foto: Marijan Murat/dpa

Bis mittags scheint der Donnerstag ein recht normaler Nachrichtentag zu sein. Morgens war ich in Heilbronn, um über dessen neue Kunsthalle samt Beuys-Ausstellung zu berichten. Doch dann wird nach und nach klar, dass diese Anti-Stuttgart-21-Demo eine andere Qualität als frühere hat. Mein Einsatz beginnt dann am Abend des „schwarzen Donnerstags“.

Nach der Eskalation des Tages geht es hier weiter. Etliche andere Reporter und ich sprechen stundenlang mit Gegnern des Bahnprojekts aus beinahe allen Bevölkerungs- und Altersgruppen. Alle warten, was denn nun passiert. Tausende sind auf den Beinen. Ihre Hoffnung: Doch etwas zu bewirken und zumindest die erste Abholzaktion zu stoppen oder zu verzögern.

Doch nichts da: Als um 1.00 Uhr morgens die Maschinen loslegen, geschützt von hunderten Polizisten, notiere ich die Schreie und die Wut vieler weinender Menschen in meinem Block: „Aufhören, Verräter, Schweine“. Schon fast klischeemäßig schwäbisch-ordentlich ein Detail: Die Bäume werden in dieser Nacht nicht nur gefällt, sondern auch gleich gehäckselt.

Eine Nacht im Park, das war für mich im Nachhinein ein Höhepunkt und zugleich der Abschluss meiner Ausbildung. In den Morgenstunden des Folgetags beginnt damals mein Vertrag als dpa-Redakteur.

Die maßlose Enttäuschung der Menschen und den unglaublichen Lärm der Maschinen kann ich mir bis heute in Erinnerung rufen, wenn ich mit dem Zug nach Stuttgart einfahre.